„Geplante Minijob-Reform bedroht Zustelljobs“
BVDA-Vorstandsvorsitzender Alexander Lenders warnt im Interview vor dem möglichen Aus für Minijobs – mit Folgen für Millionen Menschen und die kostenlosen Wochenzeitungen.

Herr Lenders, warum äußert sich der BVDA gerade jetzt so deutlich zu Minijobs?
Die Bundesregierung diskutiert Reformen, die Minijobs grundlegend verändern könnten. Noch ist nichts entschieden. Aber genau deshalb müssen wir die möglichen Folgen jetzt ansprechen. Denn wenn die Entscheidungen erst getroffen sind, ist es oft zu spät für Korrekturen. Dabei geht es ausdrücklich nicht nur um unsere Branche. Minijobs füllen für Millionen Menschen Lücken im Alltag und im Geldbeutel: bei Studierenden, Rentnern, Eltern, Berufstätigen – bei allen, die nur wenige Stunden arbeiten können. Sie sind ein wichtiger Bestandteil ihres Einkommens und unverzichtbar in Handel, Gastronomie, Pflege, Handwerk, Landwirtschaft, Vereinen und vielen weiteren Bereichen. Wer dieses Beschäftigungsmodell grundlegend verändert, greift in den Alltag von Millionen Menschen ein.
Sie sprechen von einem „Minijob-Aus durch die Hintertür“. Ist das nicht übertrieben?
Nein. Der Begriff mag zugespitzt sein, beschreibt aber genau unsere Sorge. Niemand erwartet, dass der Begriff „Minijob“ verschwindet. Entscheidend ist vielmehr, ob der Minijob auch künftig das bleibt, was ihn attraktiv macht: unkompliziert, flexibel und finanziell lohnend. Wenn diese Vorteile durch zusätzliche Sozialabgaben oder mehr Bürokratie verloren gehen, bleibt der Name vielleicht bestehen – das Erfolgsmodell aber nicht. Dann wäre der Minijob faktisch abgeschafft.
Warum wäre das gerade für kostenlose Wochenzeitungen problematisch?
Weil unsere Zustellung anders funktioniert als viele klassische Arbeitsverhältnisse. Sie ist wohnortnah organisiert und umfasst oft nur wenige Stunden pro Woche. Genau dafür wurde der Minijob geschaffen. Tausende Menschen entscheiden sich bewusst für diese Tätigkeit, weil sie flexibel ist und sich als Nebenverdienst lohnt. Wenn diese Vorteile verloren gehen, werden viele diese Arbeit verständlicherweise nicht mehr übernehmen wollen. Deshalb warnen wir frühzeitig. Nicht weil die Zustellung heute gefährdet ist, sondern damit sie es auch morgen nicht wird.
Was würde das für die Leserinnen und Leser bedeuten?
Unsere kostenlosen Wochenzeitungen erreichen jede Woche mehr als 40 Millionen Haushalte. Für viele Menschen ist sie die wichtigste Informationsquelle über das Leben vor Ort. Wenn es künftig schwieriger wird, genügend Zustellkräfte zu gewinnen, wird die Zustellung aufwendiger und teurer. Besonders betroffen wären ländliche Regionen oder Gebiete mit ohnehin schwierigen Zustellbedingungen. Das wollen wir verhindern. Unser Ziel ist, dass die kostenlose Wochenzeitung auch künftig zuverlässig im Briefkasten liegt.
Warum ist die kostenlose Wochenzeitung heute noch so wichtig?
Weil sie alle erreicht. Man braucht kein Abo, keine Registrierung und keine App. Die kostenlose Wochenzeitung informiert über das, was direkt vor der Haustür passiert – über Vereine, Schulen, Ehrenamt, Kultur, Kommunalpolitik und die lokale Wirtschaft. Gerade in einer Zeit, in der sich Mediennutzung immer stärker aufspaltet, bleibt sie ein gemeinsamer Informationsanker vor Ort.
Viele Menschen lesen sie auch wegen der Prospekte und Anzeigen.
Das stimmt – und das ist völlig legitim. Anzeigen und Prospekte helfen vielen Haushalten bei der Einkaufsplanung und zeigen Angebote des örtlichen Handels. Gleichzeitig finanzieren sie den kostenlosen Journalismus und die flächendeckende Zustellung. Am Ende profitieren alle von diesem Modell: die Leserinnen und Leser, der lokale Handel und die Kommunen.
Sie sagen also, es geht um mehr als die Interessen der Verlage?
Ganz eindeutig. Die Diskussion um Minijobs betrifft unsere Branche unmittelbar. Aber sie betrifft genauso den Einzelhandel, die Gastronomie, soziale Einrichtungen, Sportvereine oder das Handwerk. Minijobs schaffen Flexibilität – für Arbeitgeber ebenso wie für Beschäftigte. Deshalb sollte man sehr sorgfältig prüfen, welche Folgen Veränderungen in der Praxis haben.
Welche Erwartungen haben Sie an die Bundesregierung?
Wir erwarten einen offenen Dialog mit allen betroffenen Branchen. Selbstverständlich kann und muss über bessere soziale Absicherung gesprochen werden. Reformen dürfen aber nicht dazu führen, dass funktionierende Beschäftigungsmodelle verschwinden. Gerade für kleinteilige Tätigkeiten wie die Zustellung braucht es praxistaugliche Lösungen. Übergangsregelungen, Ausnahmen oder andere Modelle könnten Beschäftigte besser absichern, ohne bewährte Strukturen zu zerstören.
Was möchten Sie den Leserinnen und Lesern zum Schluss mitgeben?
Viele halten es für selbstverständlich, dass ihre kostenlose Wochenzeitung jede Woche im Briefkasten liegt. Doch dahinter stehen tausende Menschen – in den Redaktionen, im Anzeigenverkauf, in Druckereien und vor allem in der Zustellung.
Wir setzen uns dafür ein, dass dieses erfolgreiche Modell auch künftig funktioniert. Denn es geht um weit mehr als Minijobs. Es geht um lokale Information, Medienvielfalt, den örtlichen Handel und den gesellschaftlichen Zusammenhalt vor Ort.
Das Interview führte Dr. Andrea Gourd.