Politik

Lokaljournalismus in Gefahr: "Es ist fünf nach zwölf"

Die Gesamtauflage der kostenlosen Wochenzeitungen ist 2020 um knapp 30 Prozent zurückgegangen. Die ausschließlich werbefinanzierte lokale Mediengattung fordert dringend wirksame staatliche Unterstützung.

Die Zahlen der aktuellen Erhebung des Bundesverbandes Deutscher Anzeigenblätter (BVDA) sind alarmierend. 20 Millionen Exemplare weniger als noch zu Beginn des Jahres 2020 werden derzeit in die Briefkästen zugestellt. Damit ist die Gesamtauflage der kostenlosen Wochenzeitungen um knapp 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen. 20 Prozent der Einstellungen sind dauerhaft. Das entspricht etwa 14 Millionen Exemplare pro Woche.

10.000 Vollzeitstellen und über 200.000 Minijobs in Gefahr


Diese Entwicklung ist für die rund 10.000 Vollzeitbeschäftigten sowie die über 200.000 meist geringfügig beschäftigten Zustellerinnen und Zusteller alarmierend. Die rund 350 Wochenblattverlage in Deutschland bieten etwa 7.000 Lokaljournalistinnen und Journalisten seit vielen Jahrzehnten einen sicheren Arbeitsplatz. Viele davon sind nun ernsthaft gefährdet. "Außerdem sind gerade in Krisenzeiten viele Menschen auf einen Zuverdienst durch Minijobs angewiesen", erklärt BVDA-Hauptgeschäftsführer Dr. Jörg Eggers. In der Gastronomie und Hotellerie seien zahlreiche Zuverdienstmöglichkeiten bereits weggefallen. "Wenn weitere Minijobs auch in der Zeitungszustellung wegbrechen, rutschen viele Menschen ungebremst in die Grundsicherung und verlieren jede Perspektive", so Eggers weiter.
"Die Folgen der Corona-Krise für die Medienvielfalt sind nicht mehr zu übersehen. Es ist sprichwörtlich fünf nach zwölf. Die ersten weißen Flecken auf der Landkarte sind sichtbar. Sie sind eine große Gefahr für die vielen im Lokaljournalismus Beschäftigten und eröffnen gefährliche Flanken für digitale Blasen und Fake News", so Eggers weiter.

Gesellschaftliche Bedeutung der Wochenblätter gestiegen

Während die Umsätze 2020 coronabedingt in historischem Maße eingebrochen sind, ist das lokale Medium für die Gesellschaft vor Ort wichtiger denn je. In Zeiten von gezielter Desinformation brauchen die Menschen seriöse und zuverlässige Informationen. Deswegen kooperiert der BVDA seit einem Jahr mit dem renommierten Recherchenetzwerk CORRECTIV. Und auch viele behördliche Informationen und Nachbarschaftshilfen wären nicht bei Menschen angekommen, wenn die kostenlosen Wochenzeitungen sie nicht Woche für Woche zuverlässig und kostenlos in die Briefkästen transportiert hätten, betont BVDA-Chef Eggers.

Staatliche Unterstützung durch eine wirksame Soforthilfe

Damit das lokale Medium seine für die Gesellschaft wichtige Aufgabe auch weiterhin zuverlässig erbringen kann, fordert der BVDA schnelle und wirksame Unterstützung der Politik. "Die den Verlagen in Aussicht gestellte Digitalförderung wird das Sterben der kostenlosen Wochenzeitungen sicher nicht aufhalten", kritisiert Eggers den vorgelegten Entwurf des Bundeswirtschaftsministeriums zur Presseförderung.
Der BVDA bemängelt, dass die Digitalförderung für das Geschäftsmodell der kostenlosen Wochenzeitungen nicht passe. "Bei der dramatischen Situation der Branche wird außerdem wohl niemand ernsthaft erwarten, dass ein Verlag 55 Prozent Eigenanteil für ein Digitalprojekt aufbringen kann", so Eggers. Deswegen fordert der BVDA dringend eine Soforthilfe für durch Corona in Not geratene Verlage.

Weitere Informationen: Daten & Fakten zum deutschen Anzeigenblattmarkt


Über die Erhebung:
Für die Erhebung der Titelstatistik wurden sämtliche Mediadaten aller Anzeigenblatt-verlage in Deutschland erfasst und ausgewertet. Für die Umsatzerhebung wurde die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO beauftragt. 

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