Aus dem BVDA

Eggers: Lippenbekenntnisse reichen nicht

Zum Ende des Jahres 2020 zieht Dr. Jörg Eggers Bilanz. Im Interview erklärt der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Anzeigenblätter (BVDA), dass weite Teile der lokalen Medienvielfalt ohne die richtigen Rahmenbedingungen konkret gefährdet seien. Besonders beeindruckt hat ihn im "Corona-Jahr" die Vitalität der kostenlosen Wochenblätter – trotz dramatischer Umsatzverluste.

Berlin, 18.12.2020 – Die Bilanz von Dr. Jörg Eggers könnte ambivalenter kaum sein. Während das Jahr 2020 für die rund 200 Wochenblattverlage wirtschaftlich ein historischer Tiefpunkt gewesen sei, habe die Corona-Krise gleichzeitig aufgezeigt, wie wichtig die Mediengattung für die flächendeckende Information der Menschen ist. So wären kommunale Informationen oder Nachbarschaftshilfen bei vielen Menschen nicht angekommen, wenn die Wochenblätter diese nicht Woche für Woche in die Briefkästen zugestellt hätten.

Um diese zentrale Rolle weiter übernehmen zu können, brauchen die Verlage jetzt ein klares Zeichen der Politik. Bloße Lippenbekenntnisse helfen der Branche in dieser historischen Krise nicht weiter.


BVDA-News: Herr Dr. Eggers, Deutschland wurde gerade zum zweiten Mal in diesem Jahr in einen Lockdown versetzt. Wie geht es Ihnen?

Eggers: Ich bin gesund und das ist erst einmal die Hauptsache. Die kostenlosen Wochenblätter werden Bund und Länder weiter darin unterstützen, die Corona-Pandemie schnellstmöglich in den Griff zu bekommen und alles tun, um einen Beitrag dazu zu leisten. Dennoch ist der erneute Lockdown ein herber Schlag ins Kontor für die rein werbefinanzierten Verlage. Beim BVDA arbeiten wir mit Hochdruck daran, unsere Mitglieder bei allen drängenden Fragen zu unterstützen. Dabei geht es neben konkreten Hilfsprogrammen auch um drängende Fragestellungen rund um das Feuerwerksverkaufsverbot.

BVDA-News: Wie war denn das gesamte Jahr 2020 für die kostenlosen Wochenzeitungen unterm Strich?

Eggers: Das Jahr ist eigentlich gut gestartet. Wir waren ja in einer wirtschaftlich stabilen Lage. Dann kam überraschend die Corona-Krise und es wurde deutlich, dass es schwierig sein kann, wenn ein Geschäftsmodell nur auf einer Einnahmequelle beruht. Die kostenlosen Wochenzeitungen sind ja ausschließlich werbefinanziert und diese Einnahmen sind im Frühjahr bis zu 90 Prozent eingebrochen. Dramatisch wurde die Lage, da die Kostenstrukturen trotzdem erhalten blieben.  

Nach diesem Tief gleich zu Beginn des Jahres erlebten wir im Sommer eine kurze wirtschaftliche Erholung, die allerdings zum Ende des Jahres wieder jäh eingebremst wurde. Wirtschaftlich endet das Jahr damit so, wie es begonnen hat: Mit schweren wirtschaftlichen Einbußen.

Auf der anderen Seite wurde die gesellschaftliche Bedeutung der kostenlosen Wochenblätter seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie sehr deutlich. Behördliche Informationen, Nachbarschaftshilfen oder Initiativen wären schlicht nicht bei den Menschen angekommen, wenn die Wochenblätter sie nicht transportiert hätten. Das wurde auch von der Politik anerkannt. Folgerichtig wurde die Mediengattung bundesweit für systemrelevant erklärt.

BVDA-News: Was waren die größten Herausforderungen 2020?

Eggers: Eine besonders große Herausforderung für die Verlage ist die Aufrechterhaltung eines Zustellapparates, der überall in Deutschland flächendeckend zustellt. Und zwar auch in strukturschwachen Regionen, wo kaum Werbeeinnahmen erzielt werden können.

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass digitale Medien für eine ausreichende Information der Menschen nicht ausreichen. Sei es, weil die digitale Infrastruktur nicht da ist. Oder, weil die Menschen lokale Informationen einfach gerne in Print lesen.

Diese Zustellung ist in Gefahr, wenn die Verlage nicht schnell mit einer geeigneten staatlichen Förderung unterstützt werden. Die Gattung hat in diesem Jahr wahrlich bewiesen, dass sie vital agieren kann. Für ein rein werbefinanziertes Medium ist ein kompletter Zusammenbruch des Werbemarktes bei gleichzeitig steigendem Kostendruck auf Sicht schlicht nicht mehr zu stemmen.

Die größte Herausforderung für die Zukunft bleibt nach wie vor das Thema Nachhaltigkeit. Gemeinsam mit seinen Mitgliedern arbeitet der BVDA auf verschiedenen Ebenen daran, die Branche noch nachhaltiger zu machen und gleichzeitig Vorurteile gegenüber Print abzubauen.

BVDA-News: Welche Unterstützung fordert der Verband für Branche?

Eggers: Wir fordern weiterhin eine Förderung der Zustellung von Presseerzeugnissen. Nur so kann sichergestellt werden, dass die Menschen auch weiter flächendeckend mit lokalen Informationen versorgt werden. Eine reine Förderung von Digitalisierungsprojekten wird dieses Ziel sicher nicht erreichen. Denn nur durch die Förderung der immer teureren Zustellung bekommen die Verlage den nötigen Freiraum, um den eigenen Transformationsprozess voranzutreiben.

Eine reine Digitalförderung würde im Ergebnis in kurzer Zeit zu weißen Flecken in der Berichterstattung führen, gerade im strukturschwachen ländlichen Raum. Digitale Blasen, Desinformation sowie Hass und Hetze hätten in diesen Gebieten leichtes Spiel.

Darüber hinaus fordert der BVDA eine Corona-Soforthilfe für die Branche. Aufgrund von Unternehmensgröße und Mitarbeiterstrukturen sind unsere Mitgliedsverlage bislang leider weitgehend durch das Raster der Konjunkturhilfen gefallen. Um die systemrelevante Aufgabe einer flächendeckenden Versorgung der Menschen mit Presseprodukten weiter aufrecht erhalten zu können, brauchen die Verlage jetzt schnell Unterstützung.

BVDA-News: Wie steht es denn mit dem Innovationsprozess der Branche? Warum tun sich die Verlage mit der Digitalisierung so schwer?

Eggers: Es ist eine Mär, dass sich die Verlage schwer tun mit der Digitalisierung. Was digitalisiert werden kann, wird auch digitalisiert – dies gilt sowohl für große als auch für kleine Häuser. Das große Missverständnis ist, dass die Zustellung digitalisiert werden könne.

Die Wochenblätter liefern Informationen über das Geschehen vor Ort, über Veranstaltungen, ehrenamtliches Engagement oder kommunale Angelegenheiten. Diese Informationen sucht man nicht gezielt über Google. Man nimmt sie nur auf, wenn sie einem direkt geliefert werden. Und auch das Geschäftsmodell ist nicht übertragbar. Während Werbung im digitalen Raum häufig als störend empfunden und deswegen weggeklickt wird, belegen Studien regelmäßig, dass Werbung in Wochenblättern die meisten Menschen nicht stört. Sie diese vielmehr gerne zur Einkaufsinspiration nutzen.

BVDA-News: 2020 war auch für den Verband ein besonderes Jahr. Wo stehen Sie heute und wo wollen Sie im nächsten Jahr hin?

Eggers: Ein Verband lebt von dem Austausch mit seinen Mitgliedern. Während der persönliche Kontakt in diesem Jahr komplett ausgefallen ist, haben wir gelernt, dass auch ein Verbandsleben digital stattfinden kann. Wir haben alle unsere Gremiensitzungen digital abgehalten, bis hin zur Verleihung des BVDA-Medienpreises Durchblick und unserer Mitgliederversammlung.

Dennoch wünschen wir uns für das kommende Jahr, dass wir uns wieder persönlich mit unseren Mitgliedern begegnen können. Den engen Kontakt zu halten ist die vielleicht größte Herausforderung für einen Verband in diesen Zeiten. Deswegen hoffen wir sehr, dass wir zur Herbsttagung 2021 wieder persönlich zusammenkommen können.

Langfristig wird es unsere Aufgabe sein, die Verbandsaktivitäten so weiterzuentwickeln, dass unsere Mitglieder bestmöglich profitieren. Ergänzend zu Präsenzveranstaltungen wird der BVDA seinen Mitgliedern auch künftig umfangreiche virtuelle Plattformen und Weiterbildungsmaßnahmen zur Verfügung stellen.

BVDA-News: Im nächsten Jahr steht unter anderem die Bundestagswahl an. Welche Forderungen richten Sie an die Politik?

Eggers: Erstens: Eine Förderung der Verteilung von Presseprodukten. Auch wenn es politisch nicht opportun ist, bleibt es richtig. Zweitens: Die Anhebung der 450-Grenze bei geringfügig Beschäftigten. Drittens: Eine sachlichere Debatte beim Thema Nachhaltigkeit. Papier hat zu Unrecht ein so negatives Image.

BVDA-News: Bald ist Weihnachten. Wenn Sie einen Wunsch für das nächste Jahr frei hätten, welcher wäre das?

Eggers: 2021 wird besser werden, da bin ich sicher. Als Gesellschaft haben wir in diesem Jahr viel gelernt. Viele haben vielleicht zum Ersten Mal Solidarität gespürt oder erfahren, was es heißt, solidarisch zu handeln. Ich wünsche mir, dass wir diese Erfahrungen mitnehmen und uns fragen, was wir als Gesellschaft langfristig besser machen können.

Und ich freue mich auf viele Präsenzveranstaltungen und auf das kulturelle Leben – das fehlt mir wirklich sehr.

Eggers: Lippenbekenntnisse reichen nicht